Folge 16

Thomas Paulisch

101 Köpfe | 02.04.2014

Thomas Paulisch, Unternehmensberater, Foto: privat
Thomas Paulisch, Unternehmensberater, Foto: privat

im aktuellen Interview: Thomas Paulisch,Unternehmensberater über Existenzgründungen, Mogelpackungen, Achterbahnfahrten und geteilte Kopfkissen und sein Vorhaben als Dirigent.

Steckbrief Thomas Paulisch:

Geboren: 1965
Unternehmen: Beratungsdienst Paulisch GmbH
Anzahl der Mitarbeiter: 8 und freie Mitarbeiter
Unternehmer: seit 1996
Beruf: Dipl. Agraringenieur, Steuersachbearbeiter, IHK-geprüfter Vermögensberater, KfW-gelisteter Unternehmensberater
Hobby: Gartenarbeit, Angeln
Kinder: 2 (14 und 17 Jahre alt)
Leidenschaft für: Familie, Begeisterung für meine Gründer

 

Wie bewerten Sie das Gründerflair in Mecklenburg-Vorpommern- bzw. dem östlichen Landesteil?
In Deutschland sind lediglich 11 Prozent der Bevölkerung als Selbstständige tätig. In der Schweiz sind es 60 Prozent. Derzeit gibt es keinen Rechtsanspruch auf Förderung der Selbstständigkeit durch die Arbeitsagentur. Die Förderung ist eine Kannbestimmung. Die Quote derer, die in Deutschland eine Förderung über die Arbeitsagentur erhalten, liegt in bei ca. 20 %. Da die Arbeitsmarktsituation bei uns in Mecklenburg-Vorpommern und explizit im vorpommerschen Landesteil immer noch recht angespannt ist, liegt die Quote bei uns höher. 80 Prozent meiner Klientel haben den Existenzgründungszuschuss erhalten, weil sich die Gründer gut vorbereitet haben und wissen, worauf es ankommt. Wir haben in den vergangenen drei Jahren als Beratungsdienst Paulisch mehr als 100 Gründer auf ihrem Weg in die Selbstständigkeit begleitet. Davon haben nur drei aufgegeben. 

Die Statistik für MV weist eine Zunahme an Kleinbetrieben und Nebenerwerbsbetrieben aus. Was meinen Sie, woran liegt das?
Die Gründe in die Selbstständigkeit zu gehen sind unterschiedlich. Die meisten Gründer, die ich betreue, sind Kleingewerbetreibende, Dienstleister und Handwerker wie Trockenbauer, Friseur Kosmetiker, Hausmeisterservice. Viele von ihnen waren zuvor im Angestelltenverhältnis tätig und konnten sich dort nicht selbst verwirklichen. Andere haben die Wirtschaftspotenziale Ihrer Hobbys erkannt. Es gibt aber auch eine wachsende Anzahl von Gründern, die eine Unternehmensnachfolge antreten wollen. Die meisten starten vom Home-Office aus, mit geringstem Investitionsvolumen und wollen mit ihrer Hände Arbeit selbstbestimmt ihren Lebensunterhalt verdienen. 

Welche Eigenschaften sollte ein Existenzgründer mitbringen?
Auf jeden Fall muss er auch fachliche Kenntnis mitbringen. Der Gründer muss von seiner Idee begeistert sein, er muss selbstbewusst auftreten. Er muss jemandem in die Augen schauen können, positiv denken und daran glauben, dass er es schafft. Bei dem Rest geben wir gern Unterstützung. 

In welchen Wirtschaftsbereichen lohnt es sich ganz besonders, über eine Existenzgründung nachzudenken?
Vor allem im Dienstleistungsbereich. Viele Unternehmer arbeiten täglich 14 Stunden. Da gibt es zahlreiche Möglichkeiten, sich als Unternehmer Freiraum zu verschaffen und anderen eröffnet es Möglichkeiten zur Selbstständigkeit. Ich habe sechs Jahre in den alten Bundesländern gelebt. Dort hatte jeder Unternehmer, den ich betreut habe, eine Reinigungskraft oder Haushaltshilfe. Das trifft inzwischen auch auf 30 Prozent der Unternehmer hier zu. Wenn jemand meine Arbeit zu 80 Prozent genauso gut machen kann wie ich, und sein Stundenlohn wesentlich geringer ist, als mein Unternehmerlohn, dann muss ich delegieren. Auch im handwerklichen Bereich gibt es sicher viele Chancen. A und O hierbei sind nicht nur die handwerklichen Fähigkeiten zu beherrschen, sondern vor allem den kaufmännischen Teil zu erledigen. Die Kalkulation, das Akquirieren von Aufträgen und auch bei Regressansprüchen richtig zu handeln, sind ganz wesentliche Leistungsbestandteile. 

Wie bauen Sie die Gründungsberatung auf? Welchen Themen sind relevant?
Ich gehe ohne Erwartungen in ein Erstgespräch. Daher kann ich immer nur positiv überrascht werden. Wichtig ist, dass dem Gründungswilligen bewusst ist, dass er Arbeitgeber und Arbeitnehmer zunächst in einer Person ist. Ist er nur 3 Prozent besser als seine Mitbewerber, kann sein Vorhaben erfolgreich sein.
In der Gründungsberatung arbeiten wir mit verschiedenen Tools. Das Kennenlernen dient der Analyse von Stärken und Schwächen. Das ist der erste Teil, indem der Gründer von seiner Idee berichtet. Dann lade ich den Gründer zum 5-tägigen Seminar ein. Dieses findet 14-tägig in Greifswald und Neubrandenburg statt. Dieses Seminar wird durch die IHK gefördert. Der Teilnehmer muss nur 78,00 € Selbstbeteiligung tragen. Anschließend können wir ein 7-tägiges Einzelcoaching anbieten. Dabei wird die persönliche und fachliche Kompetenz im Bereich der kaufmännischen Grundlagen, des Marketings, der Fördermittelrecherche und der Mitarbeiterführung geschult. 

Auf welche finanzielle Unterstützung können Gründer im Moment noch hoffen?
Das ist der AVGS Aktivierungs- und Vermittlungsgutschein, den man von der Agentur für Arbeit oder dem Jobcenter bekommt; 7 Tage Einzelcoaching mit 0 Euro Selbstbeteiligung sowie ein Businessplanworkshop der von der BAFA unterstützt wird. Dann gibt es die Gutscheine der HWKs und IHKs für die Begleitung in die Selbstständigkeit. Hierfür ist eine Eigenbeteiligung in Höhe von 200 Euro einzuplanen. Dann geht es auf in die Praxis. Treten hierbei Probleme auf, gibt es noch bis zum 30.06.2014 das Gründercoaching in Höhe von 6.000 Euro. Wir erwarten eine Verlängerung dieses Programms. Für diejenigen, die auf Sicherheit bedacht sind, gibt es die Kannbestimmung des Existenzgründungszuschusses. Das sind 6 Monate Arbeitslosengeld plus 300 Euro. Aus meiner Sicht ist dieses Programm eine Mogelpackung, denn der Gründer muss noch 150 Tage lang Anspruch auf Arbeitslosengeld haben. Bei einem positiven Bescheid bekommt man gerade nur einen Monat länger die Förderung. Im Anschluss an diese Förderung gibt es auch als Kannbestimmung neun Monate lang noch die 300 Euro. Dafür darf das Geschäft darf weder schlecht, noch zu gut laufen. Wer jedoch Hartz IV bezieht, kann bis zu 5.000 Euro Zuschuss oder Darlehen bekommen, plus Hartz IV plus 300 Euro und ist weiterhin über das Jobcenter in der Sozialversicherung abgesichert. Das sogenannte Mikrodarlehen ist ein gutes Instrument. Man kann einen Kleinkredit über 10.000 Euro erhalten, und wenn ein Arbeitnehmer eingestellt wird, sogar bis 20.000 Euro. Die KfW bietet das Startgeld bis 100.000 € an. Damit habe ich auch gute Erfahrungen machen können. 

Sie begrüßen auch die Lebenspartner der Gründer in Ihren Seminaren, warum ist Ihnen das wichtig?
Ich brauche den Partner als Verbündeten, damit wir den Gründer anschubsen können. Da geht es um das Erreichen der Wochenziele. Ich sage immer: „Die Selbstständigkeit ist keine Autobahn, Sie ist eine Achterbahn.“ Es gibt immer Höhen und Tiefen. Der Partner ist wichtig, weil er dem Unternehmer Rückhalt gibt und ihn in einer Tiefphase wieder aufbauen und motivieren kann. Außerdem will ich dem Lebenspartner die Angst vor der Selbstständigkeit nehmen will. Welche Sicherheiten hat denn ein Arbeitnehmer? Vier vielleicht auch acht Wochen Kündigungsfrist. Als Selbstständiger kann ich mich auch gegen Arbeitslosigkeit, Krankheit und andere Dinge absichern. Ich bringe dem Lebenspartner auch bei, dass der Gründer weniger Zeit für die Familie haben wird. Im Umkehrschluss ist es auch wichtig, dass der Gründer zur Kenntnis nimmt, dass er sich Zeit für seine Familie nimmt, da er sonst Gefahr läuft, sie zu verlieren. In einer Partnerschaft müssen Visionen und Ideen entwickelt und nicht nur das Kopfkissen geteilt werden. 

Werden Sie als Berater auch zum Ideengeber und Lenker?
Ich weiß, dass ich als Coach keine Ideen geben sollte. Ich bin aber davon abgekehrt. Ich gebe tatsächlich Impulse und liefere auch Ideen. Wenn ich mitbekomme, dass der Businessplan zu knapp kalkuliert wurde, dann greife ich natürlich ein und versuche gemeinsam mit dem Mandanten das Konzept zu verändern und werde so auch zum Lenker. 

Können Sie sich selbst für die Ideen Ihrer Klienten begeistern?
Wenn ich mich nicht für die Idee begeistern kann, werde ich den Gründer nicht betreuen. Ich reiße dabei alle unsere Partner und Referenten mit. 

Erlauben Sie mir die Frage, welche Schule Sie am besten auf die Selbstständigkeit vorbereitet hat?
Die Praxis. So nenne ich auch meine Seminare: „Aus der Praxis für die Praxis. 

Wo und wie können Sie die Seele am besten baumeln lassen?
Im Garten und beim Angeln. Wir fahren raus auf den Strelasund und ich bin ein großer Fan der Peene. Die wenige Zeit, die ich habe, möchte ich gern mit meiner Familie verbringen. Wir sind fast Selbstversorger mit unserem 300 Quadratmeter großen Garten. Ich bin mit Tieren und Landwirtschaft groß geworden. Was ich hier in der Region vermisse, ist das frische Obst und Gemüseangebot, wie ich es von den Märkten aus Bremen kenne. Wir kochen sehr gern uns lassen uns auch durch die TV-Köche inspirieren.

Engagieren Sie sich ehrenamtlich?
Ja, selbstverständlich. Das gehört einfach dazu. Wir haben den Schmarsower Kulturverein gegründet. Ich selbst bin Vorsitzender. Schmarsow bei Rollwitz hat ein intaktes Dorfleben. Wir organisieren kulturelle Höhepunkte, wie das Schneeglöckchenfest, das natürlich mit einem Arbeitseinsatz gekoppelt wird. Neben diesen traditionellen Festlichkeiten wollen wir einen alten Gutspark wieder herrichten. Die Renner sind unser Dorffest und der Weihnachtsmarkt. Uns ist der Erhalt der Dorfstruktur wichtig. Sponsoring unseres Sportvereins ist für mich selbstverständlich. 

Mit wem würden Sie gern einmal einen Kaffee trinken: Uli Hoeneß, Daniela Katzenberger oder Dieter Bohlen?
Jeder von den Dreien ist interessant. Daniela Katzenberger kann sehr gut begeistern. Uli Hoeneß ist ein Geschäftsmann durch und durch. Für seine Steuersünden muss er bluten, sonst hätte ich meinen Glauben in dieses Rechtssystem verloren. Dieter Bohlen ist mir persönlich etwas platt aber er ist auf Kosten anderer erfolgreich. Wenn ich mich entscheiden muss, dann würde ich mit Uli Hoeneß gern einen Kaffee trinken gehen, wenn er wieder Freigänger ist.

Was machen Sie persönlich in fünf Jahren?
Meine Lebensplanung sieht so aus, dass ich das Gleiche mache, wie jetzt. Aber ich möchte weniger in der Firma arbeiten und mehr an der Firma arbeiten. Ich will mehr dirigieren in meinem Orchester. Ich würde gern an einem Arbeitstag 4 Stunden aktiv arbeiten, 2 Stunden Sport treiben, und mich 2 Stunden weiterbilden.

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