Folge 9

Rolf Kammann

101 Köpfe | 14.06.2012

Rolf Kammann, Geschäftsführer der Wirtschaftsfördergesellschaft Vorpommern GmbH
Rolf Kammann, Geschäftsführer der Wirtschaftsfördergesellschaft Vorpommern GmbH, Foto: Gudrun Stark

Im aktuellen Interview: Herr Rolf Kammann, Geschäftsführer der Wirtschaftsfördergesellschaft Vorpommern mbH in Greifswald über das Sonnendeck Deutschlands, phänomenale Aufgaben, Heimat und den Wandel in der Investorenakquise.

"Leben und Arbeiten auf Deutschlands Sonnendeck", so lautet der Slogan einer Fachkräftekampagne, die die WFG in diesem Jahr gestartet hat. Was verbirgt sich dahinter?
Rolf Kammann: Dahinter verbirgt sich der Auftrag an uns, zukünftig nicht nur um Investoren zu werben und im Bereich des Standortmarketing Unternehmensansiedlungen zu generieren, sondern dem demografischen Wandel gerecht zu werden und Vorpommern sowohl als Wohn- und Arbeitsstandort zu vermarkten als auch für Zuzüge zu sorgen. Die Verhältnisse werden sich grundlegend wandeln. Die Unternehmen konnten über 20 Jahre immer aus dem Arbeitskräftepotenzial im Land schöpfen. Arbeitskräfte werden in Zukunft jedoch zum Engpass und damit verschlechtert sich das Standortkriterium Fachkräfteverfügbarkeit. Somit stehen wir als Landesteil im „Wettbewerb um die Köpfe“ in einem regionalen Wettstreit. Es sind aber auch die Unternehmen der Region, die sich zukünftig noch mehr für Arbeitskräfte engagieren müssen. Da setzen wir an, und leisten Unterstützung. Im Bereich der Ausbildung sind die Auswirkungen jetzt schon spürbar. Wir haben mehr Ausbildungsstellen als Bewerber. In manchen Branchen wie Gesundheit und Pflege, Hotel- und Gaststättengewerbe, teilweise auch im Handwerk und in der Industrie ist es deutlich schwieriger geworden, Mitarbeiter zu finden. Teilweise finden Unternehmen Fachkräfte auch schon gar nicht mehr vor Ort.

Was bietet Deutschlands Sonnendeck – also Vorpommern, wovon andere Regionen nur träumen?
Rolf Kammann: Zunehmend werden in Vorpommern mehr und attraktivere Arbeitsplätze sowie bessere Arbeitsbedingungen geboten. Wobei hier ganz klar die Unternehmen gefordert sind, diese besseren Bedingungen zu schaffen. Ich denke da an flexiblere Arbeitszeiten, bessere Entlohnung, Vereinbarkeit von Familie und Beruf …, all diese Aspekte, die unternehmensseitig dafür in Anspruch genommen werden können. Wir leben in einer Region, die einiges an Besonderheiten und Alleinstellungsmaßnahmen aufweist. Wir haben in Vorpommern die Ostsee- und Boddenküste, eine grandiose Landschaft sowie eine saubere und gesunde Umwelt. Vor allem haben wir klasse Kita- und Bildungseinrichtungen. Es ist ja weitgehend bekannt, dass das Land eine Spitzenposition bei der Kinderbetreuungsquote belegt. Tolle, historisch geprägte Städte und Dörfer, wunderbare Wohn- und Lebensbedingungen und ein super Freizeitangebot. Die weichen Faktoren, die das Land bietet, sind also hervorragend.

Sind Sie selbst inzwischen heimisch hier?
Rolf Kammann: Ich lebe schon fast 20 Jahre in Vorpommern, insofern ein eindeutiges „Ja“! Das ist auch die Erfahrung, die wir bei der Investorenakquise gemacht haben. Wenn wir die Investoren erst einmal in die Region gelockt haben, dann bricht oft regelrechte Begeisterung aus. Gerade Vorpommern ist ja im Bereich des Tourismus sehr erfolgreich und positiv besetzt, in übrigen wirtschaftlichen Segmenten und im Arbeitsmarkt jedoch eher mit dem Image behaftet, strukturschwach zu sein. Doch dieses Bild ändert sich gerade. Es wird deutlich positiver. Das wollen wir kommunizieren, da dieser Wandel vielen Menschen außerhalb der Region gar nicht bewusst ist.

Tritt die Suche nach potenziellen Investoren für die Region in den Hintergrund?
Rolf Kammann: Nein, definitiv nicht. Mit der Fachkräftekampagne verbunden ist auch die Bereitstellung zusätzlicher Personal- und Finanzressourcen in der WFG Vorpommern, die wir zum Beispiel über EU-Projekte akquiriert haben. Und wir arbeiten schließlich an einem Standortkriterium für Unternehmenswachstum und Betriebsansiedlungen. Die Fachkräfteverfügbarkeit ist von Jahr zu Jahr bedeutsamer geworden. Vor 10 Jahren stellten Investoren vorrangig Fragen nach dem Quadratmeterpreis für Grundstücksflächen und der Höhe des Fördersatzes in den Vordergrund. Heute ist eine der vordringlichsten Fragen: Wo finde ich meine Mitarbeiter? Wir müssen dann in der Lage sein, belegbar Auskunft zu geben und den Unternehmen aufzeigen, wie sie auch in 10 bis 15 Jahren über einen qualifizierten und engagierten Mitarbeiterstamm verfügen können.

Laut der Bevölkerungsvorausberechnung wird bereits in 18 Jahren auf einen Einwohner im arbeitsfähigen Alter, ein Einwohner, der noch nicht in dem Alter bzw. bereits Rentner ist, kommen. Ist dies nicht ein Kampf gegen Windmühlen?
Rolf Kammann: Die Aufgabe, der wir uns stellen, ist phänomenal und der Wandel, den wir erleben, ist dramatisch. Der Weg zur Lösung ist lang und hart. Das ist uns bewusst. Aber welche Alternativen haben wir? Die eine wäre, phlegmatisch zu sagen: „Das ist eben so. Wir finden uns damit ab und lassen alles einfach mal geschehen“. Das hieße schrumpfen statt wachsen. Die andere Möglichkeit ist, aktiv gegenzusteuern, jeder in dem Bereich, indem er Verantwortung trägt und agieren kann. Ich habe die unternehmerischen Möglichkeiten bereits aufgezählt.

Mir ist auch wichtig, zu betonen, dass wir uns nicht aus Selbstzweck dieser Aufgabe stellen, sondern wir haben im Jahr 2010 eine Unternehmensbefragung in hiesigen Betrieben durchgeführt. In deren Ergebnis haben 70 Prozent der Unternehmen die Anwerbung von Fachkräften als eine vordringliche Aufgabe der Wirtschaftsförderung gesehen. Das war für uns ein ganz klarer Handlungsauftrag. Fakt ist aber auch, dass hier eine Vielzahl weiterer Akteure gefragt ist. Die Kommunalpolitik, die für gute Wohn- und Lebensbedingungen im Bereich der Daseinsvorsorge, Infrastruktur, Bildung etc. sorgen muss. Das Landesmarketing „MV tut gut“ ist ein wichtiger Partner, der sehr stark imagebildend in der Öffentlichkeit wirken kann. Die Städte und Gemeinden sind gefragt, eigene Profile zu entwickeln. Letztendlich müssen wir uns alle viel besser und positiver nach Außen vermarkten und unser Image verbessern.

Wie wird die Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Anlaufpunkten wie Agentur MV4YOU, Arbeitsagentur etc. für Bewerber und Unternehmen koordiniert?
Rolf Kammann: Hier besteht in der Tat Kooperations- und Koordinierungsbedarf. Wir als Wirtschaftsförderer wollen über Marketingmaßnahmen Vorpommerns Vorzüge bekannter machen. Dies sehe ich als Fortsetzung dessen, was die WFG bereits bei der Investorenwerbung praktiziert, nur mit einer neuen Zielgruppenansprache, neuen Botschaften und anderen Kommunikationswegen. Wir sehen uns dabei jedoch nicht als Jobvermittler. Wir werden mit Partnern, die dieses beherrschen - u.a. MV4YOU, den Arbeitsagenturen und Jobcentern und weiteren Partnern wie etwa Touristikern und natürlich Unternehmen, die Mitarbeiter suchen - gemeinsame Aktivitäten entfalten und werden dann im Team unterwegs sein. Für diese Aktivitäten werden wir uns zunächst räumlich auf die Nordostdeutschen Bundesländer und die Stadtstaaten Hamburg und Berlin fokussieren. Es wird Informationsveranstaltungen geben, Vorpommern-Abende, Road-Shows, Job-Messen-Besuche. Wir könnten mit unseren Botschaften auf Marktplätzen oder Bahnhöfen präsent sein, an Orten, die stark frequentiert werden.

Sehen Sie realistische Chancen, Fachkräfte aus anderen europäischen Ländern nach Vorpommern oder ins Land zu rekrutieren.
Rolf Kammann: Unsere Fachkräftekampagne konzentriert sich in erster Linie auf Deutschland, vor allem auf den norddeutschen Raum, dem ist eine tiefgründige Analyse der Wander- und Pendlerbeziehungen vorangegangen. Wir werden uns damit in Regionen bewegen, in die viele Menschen aus Vorpommern „ausgewandert“ sind und in die derzeit vorpommersche Fachkräfte berufsbedingt pendeln. Da gibt es also ein reales Rückkehrer-Potenzial. Dennoch ist die Frage durchaus berechtigt, denn Regionen mit Vollbeschäftigung akquirieren bereits erfolgreich in Europa Arbeitskräfte. Wir haben daher auch ein Projekt gemeinsam mit Rostock-Business, der Wirtschaftsförderung der Hansestadt Rostock auf den Weg gebracht, welches Möglichkeiten der Anwerbung aus zum Beispiel Polen und den baltischen Staaten prüfen und entwickeln soll. „South Baltic Professionals“, so der Titel. Allerdings wage ich hier noch keine Prognose zu geben. Es gibt auch bei uns in der Region erste Überlegungen in Südeuropa Fachkräfte anzuwerben. Dazu braucht es aber einer größeren Kräftebündelung und starke Partner im Boot.

Kommen wir noch einmal kurz auf die Kampagne „Leben und Arbeiten auf Deutschlands Sonnendeck“, welche konkreten Maßnahmen gibt es derzeit?
Rolf Kammann: Wir haben die Strategie und einen Maßnahmenplan entwickelt. Die Website www.deutschlands-sonnendeck.de , eine Vorpommern-Internetplattform für Arbeitssuchende und Zuzügler, ist bereits seit einigen Wochen online. Die Art der Außenkommunikation ist ebenfalls fertiggestellt. Kürzlich waren wir erstmals auf der Jobshopping-Veranstaltung in Greifswald präsent. Jetzt geht es in die Phase der Maßnahmenumsetzung, konkret die Vorbereitung von Jobmessen, Roadshows und Informationsveranstaltungen außerhalb Vorpommerns. Deshalb sprechen wir gegenwärtig sehr intensiv mit unseren Kooperationspartnern und regionalen Unternehmen. Die bisherige Resonanz ist gut und die Nachfrage auch. Den Unternehmen werden wir Unterstützung in Form flexibler Bausteine anbieten, etwa die Nutzung der Homepage für Mitarbeiterwerbung und -information, das „Mitnehmen“ von Jobangeboten auf branchenbezogene Jobmessen oder zu Werbeveranstaltungen, die von uns besucht oder organisiert werden. Wir stellen Unternehmen Informationsmaterial für die eigene Mitarbeiterakquise und für Bewerbergespräche bereit.

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