Folge 10

Petra Hintze

101 Köpfe | 26.06.2012

Hintze, Hauptgeschäftsführerin der IHK zu Neubrandenburg, Foto: IHK
Petra Hintze, Hauptgeschäftsführerin der IHK zu Neubrandenburg, Foto: IHK zu Neubrandenburg

Im aktuellen Interview: Frau Petra Hintze, Hauptgeschäftsführerin der IHK zu Neubrandenburg über die Gründung, den Aufbau der IHK zu Neubrandenburg und Ihren Abschied als Hauptgeschäftsführerin nach 22 Jahren an der Spitze der Industrie- und Handelskammer zu Neubrandenburg.

Frau Hintze, wenn Sie über den ersten Tag als Hauptgeschäftsführerin der im Jahr 1990 neu gegründeten Kammer nachdenken, wie begann alles?
Petra Hintze: Am 1. Juni 1990 habe ich meinen Dienst in der Kammer aufgenommen. Wir haben unter nicht einfachen Bedingungen angefangen zu arbeiten. Das zugewiesene Gebäude war in einem desolaten Zustand. Wir waren wenige Menschen, die vor einer Aufgabe standen, deren Inhalte erst erobert werden mussten. Doch wir hatten gute Partner an unserer Seite. Ein kleines Team aus Münster kam zu uns und hat uns „das Laufen beigebracht“, die Philosophie einer Selbstverwaltung der Wirtschaft vermittelt.

Wie haben Sie die Gründungsherausforderungen gemeistert?
Petra Hintze: Man kann es in wenigen Worten gar nicht schildern. Vielleicht nur ein Beispiel: Die Berufsausbildung, so wie wir sie heute kennen, gab es damals nicht. Die Voraussetzungen, das duale Bildungssystem der Bundesrepublik umzusetzen, waren nicht vorhanden. Was ich in Erinnerung habe, ist unser großes Engagement, dass die Ausbildung der Schulabgänger überhaupt stattfinden konnte. Wir mussten in den Betrieben Ausbildungsplätze suchen und das gesamte Vertragssystem neu aufbauen. Wir mussten das Verständnis für diesen Umbruch bei Eltern und bei Betrieben herstellen. Das war eine der großen gesellschaftlichen Herausforderungen.

Der Grundstein der IHK zu Neubrandenburg wurde in einer Umbruchzeit gelegt. Anhand welcher Eckdaten ließen sich die Veränderungen in der Wirtschaft der Region Neubrandenburg verdeutlichen?
Petra Hintze: Derzeit betreut die IHK 24.000 Unternehmen in der Region. Zur Gründungszeit der Kammer gab es nur eine geringe Basis von privaten Unternehmen. Wir haben in der ersten Zeit Woche für Woche kiloweise die Gewerbeanmeldungen oder handelsregisterlichen Eintragungen erhalten.

Die Themen, die durch die Unternehmen an die Kammer herangetragen wurden, haben sich sicher geändert und sind vielfältiger geworden, da die Unternehmer peu à peu in die Marktwirtschaft eingestiegen sind und mit der veränderten Situation umgehen lernen mussten. Nicht anders ging es ja den Mitarbeitern der Kammer, wie spiegelte sich dies in der Arbeit wider?
Petra Hintze: Die Selbstständigkeit aufzubauen, war für viele Unternehmer ein langer, schwieriger und oft auch steiniger Weg, in dem wir als Gesprächspartner besonders intensiv gefordert waren. Die Existenzgründungsberatung ging bei uns hier im Haus über alles. Die Gründungsberatung und die Ausbildungsberatung waren die zwei am häufigsten gefragten Beratungsfelder.

Wir konnten unsere Kollegen zu Lehrgängen oder Erfahrungsaustauschen zu anderen Kammern schicken. Es gab ganz viel „Amtshilfe“ zu dieser Zeit. Die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen konnten an Crashkursen teilnehmen – auch ich. Besonders enge Verbindungen wurden damals mit den Kammern in Münster, Flensburg und Lübeck gepflegt.

Im Alter von 40 Jahren haben Sie sich Ihrer verantwortungsvollen Aufgabe gestellt - haben sich Ihre Erwartungen aus den Jahren 1989/1990, die wirtschaftliche Entwicklung der Region betreffend, erfüllt?
Petra Hintze: Als ich diese Tätigkeit aufgenommen habe, war mir nicht bewusst, wie komplex und umfangreich das Geschäft einer Industrie- und Handelskammer wird und welche Herausforderungen sich dahinter verbergen. Was mich überhaupt nicht zufriedengestellt hat, war die Ohnmacht, bestimmte Prozesse einfach nicht aufhalten oder ändern zu können. Dabei meine ich insbesondere das Kapitel der Treuhandgesellschaft. Es hat mir persönlich sehr weh getan, nur einen sehr kleinen Handlungsspielraum zu haben. Nachdem wir diese Phase überwunden hatten, haben wir viel Kraft investiert, um Unternehmen zu gewinnen, sich hier in der Region anzusiedeln.

Und noch eines möchte ich sagen: Was wir in den vergangen 22 Jahren erleben durften, in so kurzer Zeit eine so rasante Entwicklung mitzugestalten, das war wohl noch keiner Generation vor uns möglich.

Gibt es Ereignisse in Ihrer Amtszeit, die Sie gern noch einmal erleben möchten? Welche haben Sie besonders stolz gemacht?
Petra Hintze: Die Winterakademie, die wir Ende der 90er Jahre gestartet hatten, war ein Projekt, das wir hier im Haus entwickelt haben. In der Hochburg des Tourismus, auf der Insel Usedom haben wir begonnen, hervorragende Weiterbildungsangebote und Qualifizierungen für die Mitarbeiter von Tourismusunternehmen anzubieten. Für die betroffenen Unternehmer war dies eine Chance, die Mitarbeiter außerhalb der Saison zu behalten, sie an das Unternehmen zu binden und sie mit fachlicher Qualifikation auszustatten. Das Projekt hatte einen gigantischen Erfolg mit einer Ausstrahlung auf das gesamte Land.

Diese IHK kann mit ihren Partnern und den im Ehrenamt tätigen Mitgliedern auf viele erfolgreiche Projekte sehr stolz sein. Ich denke an die Gründertage und das Engagement in Polen. Im Nachbarland konnten wir uns einen besonderen Stellenwert erarbeiten. Wir werden in Mecklenburg-Vorpommern und auch darüber hinaus liebevoll die „Polenkammer“ genannt. Seit 2000 sind wir in Polen vor Ort vertreten. Wir sind dort immer wieder gern gesehen, sind gefragt und bekommen Anerkennung und Respekt für unsere Arbeit.

Ab 1996 waren wir die erste Kammer im Land, die den „Runden Tisch“ eingeführt hat. Ein Projekt für Unternehmer, die in schwierige „Fahrwasser“ geraten waren. Viele Unternehmer konnten durch dieses Projekt mit Unterstützung der KfW ihre Existenz sichern. Wenn ein Unternehmer die Hilfe der Kammer genutzt hat und dann dankbar sagt: „Ohne die Kammer hätte ich nicht gewusst, was ich machen soll“, erfüllt es mich mit Stolz.

Sicher haben Sie sich auch Gedanken darüber gemacht, ob Sie etwas nach dem Ende Ihrer Amtszeit vermissen werden. Gibt es etwas?
Petra Hintze: Ja, was ich mit Sicherheit vermissen werde, sind die vielen Unternehmer, mit denen wir über Jahre hinweg eine enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit pflegten. Ich werde die engagierten Mitarbeiter des Teams vermissen. Ich werde aber auch den offenen und konstruktiven Meinungsaustausch zur Politik vermissen.

Welche drei Ratschläge sollte Ihr Nachfolger Torsten Haasch in seiner Tätigkeit als Hauptgeschäftsführer beherzigen?
Petra Hintze: Überhaupt keine. Mein ganz klares Wort: Herr Haasch ist seit 20 Jahren hier in der Kammer. Er ist mit allem vertraut, was Kammerleben ausmacht. Er hat ein engagiertes Team und tolle Unternehmen an seiner Seite. Er ist bekannt bei Politik und der Regierung. Er ist absolut fit und gut gestählt für die Zukunft.

Sie haben die Öffentlichkeit über die Gründe Ihres Ausscheidens kurz informiert. Sie stellen sich einer persönlichen, sehr emotionalen Aufgabe, die Hochachtung verdient. Möchten Sie etwas dazu sagen?
Petra Hintze: Es ist mir ein Bedürfnis, die Öffentlichkeit zu informieren, dass meine Familie es mir ermöglicht hat, diese herausfordernde Arbeit mit voller Kraft leisten zu können. Meine Familie hat mir immer sehr viel Verständnis entgegen gebracht und über all die Jahre auf ein normales Familienleben nahezu verzichtet. Ich habe mir vorgenommen, ein Stückchen davon zurückzugeben und meiner Familie zur Seite zu stehen. Das tue ich sehr gerne.

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