Folge 3

Mathias Rohloff

101 Köpfe | 04.10.2010

Mathias Rohloff
Mathias Rohloff

Geschäftsführender Gesellschafter der Unternehmensgruppe Rohloff & Werk, Inhaber Rohloff–Moden in Binz, Finalist des Großen Preises des Mittelstandes 2010 spricht über Berufliches und Persönliches.

Herr Rohloff, Sie blicken heute auf eine mehr als 100 Jährigen Firmentradition zurück und haben gerade erst die Auszeichnung zum Finalist des Großen Preises des Mittelstandes erhalten. Das ist eine Zeit, vieles Revue passieren zu lassen und auch nach vorn zu schauen. Gibt es Ereignisse, die Sie gern noch einmal erleben möchten? Welche haben Sie besonders stolz gemacht? Oder gibt es auch Begebenheiten, die Sie gern „zum Besten“ geben?

Unser Unternehmen hat verschiedene Gesellschaftsordnungen erlebt: die Zeit der Weimarer Republik, die Weltkriege, die Weltwirtschaftskrise, die DDR und das vereinte Deutschland. Es gab viele Höhen und Tiefen, die unsere Familie während dieser Zeiten erlebt hat. Das Jahr 1953 ist ein sehr einschneidendes Erlebnis gewesen, und wir reden im Familienkreis heute noch darüber. Die „Aktion Rose“ war auf einen Besuch Walter Ulbrichts auf der Insel Rügen zurückzuführen, der sich über den hohen Anteil privater Geschäfte und Hotels ärgerte.

Auch mein Vater Heiz Rohloff wurde im März `53 aus fadenscheinigem Grund inhaftiert. Das Modehaus wurde der Konsumgenossenschaft übergeben. Meine Mutter Käthe Rohloff kämpfte um die Freilassung und die Rückgabe des Familienbesitzes. Ein persönliches Gespräch beim zuständigen Staatssekretär in Berlin und die Ereignisse des 17. Juni 1953 brachten die Freilassung. Monate später haben meine Eltern das Modegeschäft zurückerhalten. Ein weiterer Meilenstein war das Jahr `91. Das war der Grundstein für die zu einem mittelständischen Unternehmen in den 90er Jahren. Wir sind heute stolz darauf, eine Struktur aufgebaut zu haben, die sich betriebswirtschaftlich bewährt. Wir haben alles ohne fremde Gesellschafter aus eigener Kraft mit Finanzierungen unserer Bank geschafft.

Ihr persönlicher Werdegang war ja nicht von vorneherein so ausgerichtet, dass Sie sich gleich der Modewelt verschrieben hatten; darf ich Sie fragen warum Sie zunächst einen anderen Weg gegangen sind?

Ich war als Direktor der Getreidewirtschaft tätig und war auch 1990 übernommen worden. Mein Vater starb - zwar in hohem Alter - aber plötzlich. Da war meine Anwesenheit im Unternehmen erwünscht. Für mich war dies zunächst eine große Umstellung. Ich war es nicht gewohnt, in einem kleinen Familienunternehmen zu arbeiten.

Sie sagten zu mir: Nein über die Grenzen der Insel Rügen hinaus wollen Sie keine weiteren Filialen gründen. Das überlassen Sie nachfolgenden Generationen. Als engagierter Unternehmer planen Sie doch sicher nicht Ihren Ruhestand?

Nein, natürlich plane ich nicht meinen Ruhestand. Aber es ist unser Ziel, den derzeitigen Bestand zu halten. Wir haben ja etwas erreicht und geschaffen. Meine Schwester ist jetzt 66 Jahre alt, meine Frau ist 50 Jahre alt. Ich bin Jahrgang `54. Da kann von Ruhestadn noch keine Rede sein. Wenn wir mal drei Tage nicht da sind, bricht hier nichts zusammen. Wir haben langjährige, erfahre Mitarbeiter auf die wir uns verlassen können. Und meine Mutter schaut auch gern noch nach dem Rechten.

Sie selbst haben vier Kinder. Was war Ihnen wichtig, Ihren Kindern mit auf den Weg zu geben?

Meine Frau und ich haben unsere Kinder vernünftig und bescheiden erzogen. Uns war wichtig, ihnen ein gesundes Verhältnis von Geben und Nehmen zu vermitteln, ebenso wie wir Disziplin und Pünktlichkeit als selbstverständlich betrachten. Kameradschaft, also das Bewusstsein, dass man füreinander einsteht und sich aufeinander verlassen kann, war mir auch unseren Kindern auf den Weg mitzugeben. Ich bin kein Anhänger elitärer Clubs. Es war uns wichtig, dass unsere Kinder Achtung vor der Arbeit haben und auch die Arbeit der Mitarbeiter schätzen.
Welches Ministeramt würden Sie gern einmal bekleiden?

Sie haben sich ja Fragen einfallen lassen! Auf Landesebene? Hm… ich würde wenn ich die Wahl habe gern das Amt des Innenministers bekleiden wollen an zweiter Position würde ich dann das Wirtschaftsministerium wählen.

Stellen Sie sich vor, Sie wären Wirtschaftsminister, was würden Sie ad hoc anstreben zu ändern?

Oh, da muss ich da erst einmal klar stellen: ich habe eine große Hochachtung vor Wirtschaftsminister Seidel. Er macht einen guten Job, kommt von hier und kennt sich bestens aus. Er weiß, wo der „Schuh drückt“.

Ich würde mich mit ganzer Kraft dafür einsetzen, dass die Rahmenbedingungen für Unternehmen dahingehend geändert werden, dass mehr investiert wird. Die Steuerpolitik geht am Mittelstand vorbei. Auch die Förderpolitik ist nicht so, wie ich sie mir vorstelle. Die Wirtschaftskrise hat es gerade gezeigt: Großunternehmen werden unterstützt. Was macht der Mittelstand, der auch unter den Folgen zu kämpfen hatte?

Ich erinnere an den harten Winter zu Beginn des Jahres, der dem Tourismus und Handel im Norden immense Wirtschaftseinbrüche bescherte. Der Mittelstand hat zumeist ein schlechtes Rating, Banken wollen bis zu 2/3 Sicherheiten für Finanzierungen haben. Das sind Bedingungen, die uns nicht voranbringen. Eine Bank, die speziell für den Mittelstand da ist, wie in anderen Bundesländern wäre eine Lösung für dieses Problem. Dann würde ich mich für dienstleistungsorientierte Verwaltungen stark machen, die lösungsorientiert auf die Bedürfnisse der Unternehmer eingehen.

Neben Ihrer Tätigkeit als geschäftsführender Gesellschafter engagieren Sie sich als Hauptmann der Reserve für die Bundeswehr und auch als Vorstand für die Bergener Feuerwehr, Sie sind Wirtschaftsenator, Hansischer Kaufmann und scheinen eine Leidenschaft für Preise zu haben. Können Sie nicht „Nein“ sagen?

Auszeichnungen sind willkommen, Kritik kann uns nur bereichern. Die Auszeichnung haben wir bekommen, weil wir gut sind. Wir haben auf der Insel Rügen ca. 200 Arbeitsplätze geschaffen. 70 % sind davon Stammkräfte im Unternehmen und 30 % Saisonkräfte beschäftigen wir im Reinigungsunternehmen zusätzlich im Sommer. Mein Engagement bei der Feuerwehr und der Bundeswehr ist mir eine Herzensangelegenheit. Als Hauptmann der Reserve koordiniere ich die Zusammenarbeit zwischen Bundeswehr und dem Landkreis und der Wirtschaft im Katastrophenfall. Wir konnten so Hilfe bei der Vogelgrippe-Epidemie organisieren und auch die Hubschraubereinsatzflüge im Winter, als die Straßen unpassierbar waren und die Insel Hiddensee nicht erreichbar war. „Nein“ sagen, kann ich. Aber mir ist es wichtig, Themen anzusprechen, sinnvolle Projekte anzuschieben und deshalb bin ich vernünftigen Netzwerken gegenüber aufgeschlossen.

Welche Hobbys haben Sie?

Ich fahre leidenschaftlich gern Wartburg und Trabant. Mit meiner Frau verreise ich gern und wir gehen auch gern aus.

Wo lassen Sie Ihre Seele baumeln?

Wir wohnen direkt am Wasser und gehen gern am Strand spazieren. Ich lese gern Kriegsliteratur und beschäftige mich mit historischen Dingen.

Wie viel Zeit verbringen Sie mit Ihrer Frau?

Wir verbringen viel Zeit gemeinsam und führen wirklich ein gute und glückliche Ehe. Wir frühstücken gemeinsam, fahren auch zu den Einkaufsmessen gemeinsam und genießen schöne Momente. Meine Frau leitet in Binz unsere vier Modegeschäfte in 1A-Lage. Diese sind ein wichtiges Standbein im Unternehmen. Über die Auszeichnung als Finalist der Oskar-Patzelt-Stiftung haben wir uns sehr gefreut.

Was bringt Sie auf die sprichwörtliche Palme?

Unpünktlichkeit, Arroganz, Unkameradschaft.

Nennen Sie mir wirtschaftliche Vorteile von Rügen?

Rügen ist Deutschlands größte und schönste Insel. Der Tourismus belebt das Geschäft für alle, die geschäftstüchtig sind. Unsere Modehäuser würden sicher nicht so gut ohne die Touristen laufen und auch im Bereich der Glas- und Gebäudereinigung haben wir durch die Gäste gute Umsatz- und Beschäftigungszahlen.

… und die Nachteile?

Zweifelsohne sind wir sehr von der Witterung auf der Insel Rügen abhängig und die Verkehrssituation ist ein Nachteil der Insel. Wir brauchen unbedingt die Anbindung der B96n, bei Mönchgut muss schnell etwas passieren und der vorhandene Flugplatz sollte unkompliziert und schnell ausgebaut werden. Früher gab es eine Flugverbindung mit Wasserflugzeugen von Berlin nach Rügen. Da waren 25 Passagiere drin. Das war eine tolle Sache.

Sie dürfen orakeln. Wie wird sich Mecklenburg-Vorpommern in den nächsten fünf Jahren entwickeln?

Mir wäre es angenehm, wenn die politischen Verhältnisse so blieben. Ich denke in fünf Jahren wird die Abwanderung gestoppt sein und Mecklenburg-Vorpommern wird zusätzlich eine Zuwanderung an Senioren verzeichnen. Damit wird sich die wirtschaftliche Situation und auch die gesamte Struktur stabilisiert haben. Ich sehe die Zukunft für M-V auf keinen Fall schwarz. Hauptsache die politischen Verhältnisse kippen weder zur Linken noch zur Rechten.

Was macht Mathias Rohloff in fünf Jahren?

Ich hoffe, dass ich dann noch gesund bin und dass unser Firmenverbund in der jetzigen Größenordnung stabil auf dem Markt ist.

Sie haben 15 Sekunden Zeit, mir drei Unternehmerpersönlichkeiten aus Mecklenburg-Vorpommern zu nennen, vor denen Sie den Hut ziehen.

Familie Braun (Bundesverdienstkreuz 2010, Anm. d. R.) hat mit der Riemser Arzneimittel AG und persönlichem Engagement für die Region viel bewirkt. Aus der Textilbranche ziehe ich den Hut vor Frau Nikolaus. Sie führt erfolgreiche Modehäuser in Rostock. Manfred Eggert, geschäftsführender Gesellschafter der Auto Eggert Gruppe (Preisträger Großer Preis des Mittelstandes 2004, Anm. d. R) ist auch ein sehr engagierte Mensch und hat viel erreicht.

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