Folge 6

David Wulff

101 Köpfe | 14.09.2011

David Wulff
David Wulff, geschäftsführender Gesellschafter der Müller & Wulff GmbH, Foto: privat

geschäftsführender Gesellschafter der Müller & Wulff GmbH, über Schnapsideen, Förder- und Wirtschaftspolitik sowie hansische Kaufmannsehre.

Herr Wulff, Sie blicken heute auf noch sehr kurze Firmengeschichte zurück, doch schon jetzt träumen Sie von der ersten Million. Haben Sie ein Patentrezept wie man zum Senkrechtstarter wird?
David Wulff: Als Senkrechtstarter würde ich uns nicht bezeichnen. Wir haben sehr lange und auch sehr hart für unseren Erfolg gearbeitet. Wir sind jetzt vier ein halb Jahre dabei. In dieser Zeit haben wir es mit der ersten (Umsatz, Anm. Red.) Million noch nicht geschafft. Wir sind – glaube ich - aber auf einem guten Weg dorthin. Das liegt daran, dass wir in einer Branche tätig sind, in der wir sehr schnell, sehr viele Leute erreichen können. Das funktioniert in anderen Branchen nicht. Ein Patentrezept für Erfolg gibt es nicht, aber man muss sich hinsetzen arbeiten und hoffen, dass es das Richtige ist und nach neuen Wegen suchen, wenn es das Falsche war.

Ich habe den Eindruck Ihre Firmengründung war ursprünglich einfach aus Spaß. Ist da etwas dran?
David Wulff: Anfangs ja. Offen gestanden, ich hielt es anfangs selbst für eine Schnapsidee. Doch dann war der Ehrgeiz so groß, damit Geld zu verdienen, dass wir uns richtig reingekniet haben.

Beenden Sie diesen Satz: Ich bin Unternehmer geworden, weil …
David Wulff:  … ich selbstständig sein wollte, weil ich nicht von anderen Menschen abhängig sein wollte, und ich wollte meinen eigenen Weg gehen.

Wie erklären Sie jemandem wie mir, also einem Menschen, der noch ohne Smartphone und Skype durch die Welt geht, was Ihr Unternehmen, das ja in der IT-Branche zu Hause ist macht?
David Wulff: Wir entwickeln Software. Für jemanden, der sich damit gar nicht beschäftigt, ist das natürlich eine fremde Welt und mancher hält es auch für Zauber. Aber das ist es nicht. Wir entwickeln Spiele, wir entwickeln Sachen, die man am Computer anklicken kann. Der PC hat ja eine große Marktdurchdringung und wir entwickeln dafür Anwendungssoftware.

Sie entwickeln Apps für Smart-Phones, die überwiegend im Unterhaltungsbereich angesiedelt sind. Ist dies gleichbezeichnend für die Arbeitsatmosphäre im Unternehmen?
David Wulff: Ja, wir haben ein lockeres Arbeitsklima. Wir reden offen miteinander. Wir sitzen auch abends gern privat zusammen und trinken ein Bierchen oder Wein. Das sind dann die Momente, in denen die neuen, kreativen Ideen entstehen. Im Büro ist es bei uns zwar locker und offen, aber es ist doch Arbeit.
Wenn ich mich auf einen Punkt konzentriere, dann kann ich mich nicht kreativ entfalten. Dafür brauche ich Ruhe, da muss ich abschalten können. Morgens sitzen wir hier zusammen und jeder bringt seinen Ideen ein. Dabei sind dann auch Ideen mit denen man Geld verdienen kann. Manche Leute bezahlen für die App Geld. Wir haben Anwendungen im Portfolio, die 79 Cent oder 1,59 Euro kosten. Wir arbeiten derzeit an neuen Apps, die dann auch etwas teurer werden. Das sind geringe Beträge für die einzelnen User, aber die Anzahl der Downloads ist dann für uns entscheidend. Unsere Apps sind dabei in den Topplatzierungen. Derzeit ist unsere Spray Can in den Top 25 der USA und war im Mai eine Woche auf Platz 3 der Topliste. Mit der Spray Can können auf dem Smart-Phone Bilder gemalt werden. Wir haben in der App Werbung platziert. Täglich nutzen 120.000 bis 130.000 User diese App - Tendenz steigend. Wenn die User alle fleißig auf die Werbung klicken, lohnt es sich für uns am Ende des Tages.

Gegründet haben Sie das Unternehmen gemeinsam mit Paul Müller. Herr Müller, der Physik studierte, Sie als Betriebswissenschaftler; wie kommt das mit Ihrer Geschäftsidee zusammen?
David Wulff: Herr Müller ist ein absolutes Genie auf seinem Gebiet. Ursprünglich wollten wir Server bauen. Herr Müller ist auf dem Gebiet Autodidakt. Er beschäftigt sich damit aber schon seitdem er Laufen kann. Ein naturwissenschaftliches Studium ist da immer sehr förderlich. Wir haben uns über die Greifswalder Uni kennengelernt und haben das Unternehmen dann gemeinsam gegründet. Dass wir jetzt Software entwickeln, hat sich so ergeben. Das waren die Anforderungen, die der Markt an uns gestellt hat. Wir mussten uns immer bewegen. Also haben wir den einen Geschäftsteil aufgegeben und analysiert, was wir können. Inzwischen ist unser Team auf 10 Mitarbeiter angewachsen. Wir bilden einen Fachinformatiker Systemintegration aus.

Deutschland ist für Sie nicht der Absatzmarkt „Number one“, sondern die USA. Wäre es nicht sinnvoll, dann auch direkt vor Ort zu agieren? Was macht den Wirtschaftsstandort Greifswald für Sie angenehm?
David Wulff: Für uns ist die Standortwahl völlig irrelevant, da die Vertriebskanäle unabhängig vom Standort sind. Greifswald ist eine schöne Stadt zum Leben und zum Arbeiten und bietet viele weiche Standortvorteile. Die Lebensqualität ist in Greifswald sehr hoch. Die Stadt ist sehr jung und lebt von dem studentischen Flair. Wir haben hier alles was wir brauchen. Wir profitieren von den kurzen Wegen, wir haben hier in der Innenstadt schnelle Internetleitungen. Durch die Fachhochschule Stralsund kommen wir gut an Nachwuchsfachkräfte. Unsere Programmierer haben dort Informatik studiert. Bestenfalls überlegen wir, einen Teil nach Berlin zu verlegen, da wir dort mehr Geschäftspartner für Anwendungssoftware haben. Die USA ist für unsere Branche der Königsmarkt. Wer dort Bestand hat, der kann den Erfolg auch für sich verbuchen.

Wissen Sie warum Ihre Applikationen dort mehr Zulauf haben?
David Wulff: Das liegt vielleicht an der Mentalität. Wir haben auch nie den deutschen Markt fokussiert - das muss ich fairer Weise dazu sagen. Aber wir hatten auch Erfolge in Deutschland und waren in den Topplatzierungen. Aber der amerikanische Markt ist so groß wie andere Märkte zusammen und wir haben uns gesagt: „Wenn wir richtig Geld verdienen wollen, dann müssen wir dahin“.

Was vermitteln Sie jungen Menschen?
David Wulff: Selbstständigkeit. Unser Unternehmen ist beispielsweise sehr wertebasiert. Wir sind konservativ, was das Wirtschaften angeht, und wir sind weltoffen, was das Weltbild und das gesellschaftliche Miteinander angeht. Ich halte die Werte der hansischen Kaufleute für wichtig. Ich bin kein Betriebswirt, wie viele fälschlicher Weise titulieren, sondern ich bin Kaufmann. Als Kaufmann geht es mir auch um Ehre und Glaubwürdigkeit. Das sind Werte, die ich weitergeben möchte. „Unternehmerische Verantwortung heißt auch gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen. Ich appelliere an alle Unternehmer: Wir sind nicht da, um uns die eigene Tasche vollzuhauen, wir sind das Rückgrat der Gesellschaft.“

Auf einen Kaffee mit Guido Westerwelle, Christian Wullf oder Bully Herbig?
David Wulff: Bully Herbig. Ich bin leidenschaftlicher Cineast, habe auch schon selbst Filme gemacht, daher interessiert mich seine Herangehensweise an die Filme. Ich würde auch in den Bereich des Filmes gehen wollen, wenn ich mal etwas ganz Neues machen wollte. Von daher ist Bully Herbig für mich die spannendste Persönlichkeit von den drei.

Sie sind bei einem Geschäftspartner, der verspätet sich um eine Stunde, was machen Sie?
David Wulff: Kaffee trinken. Aber wenn er sich eine Stunde verspätet, bräuchte ich auch nur eine halbe Stunde warten, weil ich mich bestimmt auch verspäten würde.

Als junger, politisch aktiver Mensch haben Sie doch bestimmt den Wunsch, einmal ein Ministeramt zu bekleiden. Welches könnte Sie begeistern?
David Wulff: Wirtschaft oder Finanzen. Ich bin ein Kaufmann, Ich habe darin mein Studium abgeschlossen. Ich kann mit Geld umgehen. Ich lebe das praktisch vor. Ich kann vorweisen, dass ich Ressourcen so einsetzen kann, dass sie gewinnbringend sind. Das muss man auch im Finanzressort umsetzen können. Im Wirtschaftsministerium geht es ja darum, die wirtschaftliche Entwicklung des Landes voranzubringen – und nicht darum Fördergelder zu verteilen. Ich bin dagegen, Unternehmen einfach Geld in die Hand zu geben. Ein Unternehmen, das auf Fördergelder angewiesen ist, hat meines Erachtens keine Daseinsberechtigung.

Meinen Sie nicht, dass es Möglichkeiten gäbe, einen Mittelweg zu finden? Ich denke an die Praxis des BAföG?
David Wulff: Ja, wenn Unternehmen das Geld dann zurückzahlen müssen, dann wäre es in Ordnung. Aber Unternehmen einfach Geld zu geben und dann zu sagen, „macht etwas damit oder auch nicht“, das ist eine Praxis, die ist nicht akzeptabel. Also Unternehmen und insbesondere Existenzgründern Kredite zu gewähren, die vielleicht auch vergünstigt sind, das ist in Ordnung, aber es muss zurückgezahlt werden.

Wie bewerten Sie das aktuelle Wahlergebnis? Wie schaffen Sie Ihr politisches und wirtschaftliches Engagement und auch noch ein Privatleben zu vereinen?
David Wulff: Mit dem Ergebnis sind wir gar nicht zufrieden, da brauchen wir uns nichts vormachen. Wir haben alle damit gerechnet, dass es knapp wird, aber dass es so deutlich danebengeht, das ist katastrophal. Ich bin mit dem besten Ergebnis hier in Greifswald in den Kreistag eingezogen. Nun freue ich mich, dass hier vor Ort für die FDP im Kreistag die Fahne hochhalten kann.
Ich arbeite von 8.00 bis 18.00 Uhr in der Firma, danach mache ich weiter Politik, und den Rest mache ich dann am Wochenende.

Was wollen Sie im Kreistag erreichen ?
David Wulff: Nun, das hängt ja nicht von mir alleine ab. Greifswald als Sitz des neuen Kreistages zu etablieren, ist wichtig. Die rechnerischen Mehrheiten sind da relativ knapp. Was ich vor allem mit anpacken will, das ist die Neustrukturierung des neuen Landkreises. In den nächsten zwei bis drei Jahren wird es wohl auch kaum ein anderes Thema geben. Alles andere auf die Agenda zu setzen ist utopisch. Wir wollen die Berufsschulen stärken. Das ist nämlich auch eine Aufgabe des Kreises. Das ist ganz, ganz wichtig. Ich sehe das auch als Unternehmer: Wenn unser Auszubildender Berufsschulwoche hat, ist es für ihn und auch für uns totale Zeitverschwendung. Dort wird in der Informatiker-Ausbildung an Computern gearbeitet aus dem Jahr 1990. Die Lehrer sind unmotiviert, unterbezahlt und die Berufsschulen haben keine vernünftige Ausstattung. Darüber hinaus müssen wir Wege finden, dass Aufgaben von der Kreisebene weg, hin zur Ämter- und Gemeinde verteilt werden können.

Welche Hobbys haben Sie und haben Sie überhaupt noch Zeit dafür?
David Wulff: Ja, ich habe noch Zeit für Hobbys. Ich bin Rettungsschwimmer und tauche. Wöchentlich haben wir Training bei der Wasserwacht und ich mache auch regelmäßig meine Dienste beim DRK - in letzter Zeit vorwiegend in Lubmin am Rettungsturm. Ich bin aber auch gerne in Rostock Warnemünde und Markgrafenheide.

Was bringt Sie auf die sprichwörtliche Palme?
David Wulff: Nichts. Ich bin ein sehr ausgeglichener Mensch.

Hat Mecklenburg-Vorpommern wirtschaftliche Vorteile?
David Wulff: Fläche und Kaikante. Wir haben viele kleine und spezialisierte Häfen. Wir haben dort Flächen für Unternehmen, die sich ansiedeln können und ihre Güter anlanden und verschiffen können. Das ist ein ganz großer Vorteil. Landwirtschaft im weitesten Sinne – gerade auch in der Veredlung, da bietet insbesondere das Hinterland gute Potentiale. Die Infrastruktur ist gut, an den Fachkräften arbeiten wir noch. Vielleicht kommt ja jetzt auch etwas Kontinuität in die Schulpolitik, so dass die Schulabgänger einen Abschluss haben und auch Lesen und Schreiben können.

Sie dürfen orakeln. Wie wird sich Mecklenburg-Vorpommern in den nächsten fünf Jahren entwickeln?
David Wulff: Das hängt jetzt davon ab, was Herr Sellering macht. Wenn er mit der Linken zusammengeht, dann fallen wir auf das Niveau zurück, was wir vor 10 Jahren hatten. Wenn er mit der CDU zusammengeht, die ja doch eine eher konservative, sinnvolle Haushaltspolitik macht und auch zulässt, dass Unternehmen sich ansiedeln können, dann glaube ich schon, dass sich Mecklenburg-Vorpommern etwas weiter entwickeln kann. Ich hoffe, dass wir weg von der Fixierung auf den Tourismus kommen. Ich halte die staatlichen Subventionen in diesem Bereich für Fehlinvestitionen. Ich hoffe, dass sich einige Großunternehmen hier ansiedeln, gerade aus dem produzierenden Bereich. Der Energiestandort Lubmin, der Seehafen in Rostock das Holzcluster in Wismar und das Hinterland mit dem verarbeitenden Gewerbe sollten dabei im Fokus stehen.

Was macht David Wulff in fünf Jahren?
David Wulff: Dann komme ich vielleicht in den nächsten Landtag.

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